Burnout-Syndrom: Von der Managerkrankheit zur Volksplage

Burnout gilt als Managerkrankheit und ist dennoch nicht als Berufskrankheit anerkannt. Das Leiden wird viel zu oft als Modeerscheinung abgetan, ist als Volkskrankheit aber in allen gesellschaftlichen Schichten zu finden. Es kann jeden treffen: Manager, Pflegepersonal, Lehrer, Sportler, Freelancer, Studierende, diese Liste lässt sich bis in die Unendlichkeit weiterführen – sogar Mütter sind stark gefährdet.
Die Opferbereitschaft für andere, eine nicht zu bewältigende Arbeitslast und mangelhaften Ausgleich haben alle gemeinsam. Fehlendes Lob und Anerkennung sollten nicht unterschätzt werden, besonders karriereorientierte Menschen leben um zu Arbeiten. Oft kommen dabei Freizeit, Sport, Freunde und Familie zu kurz. Aber auch Berufe im Gesundheits- und Pflegebereich gehören zur Risikogruppe. Dauerbelastung, Stress und Frust setzen den Menschen mit der Zeit stark zu. Das Burnout-Syndrom tritt nicht über Nacht auf, ähnlich wie bei einer Alkoholsucht entwickelt sich die Krankheit schleichend und in Phasen. Oft werden die ersten Anzeichen ignoriert, wenn das Burnout dann erkannt wird, ist es meistens schon zu spät und die betroffene Person fühlt sich total ausgebrannt – der Akku ist sozusagen leer.

In Oberösterreich hat eine Umfrage der Arbeiterkammer beispielsweise ergeben, dass es bereits in jedem zweiten Unternehmen Fälle von Burnout gibt – Tendenz steigend. In Deutschland ist die Situation vermutlich sehr ähnlich, obwohl sich seit 2012 die Zahl der Burnout-Fehltage fast halbiert hat. Grund dafür: Heute wird meist eine Depression, eine Anpassungs- oder Angststörung diagnostiziert und auf die Zusatzdiagnose Burnout verzichtet.

Symptome – Woran erkenne ich ein Burnout?

Viele Erkrankte ziehen sich mit der Zeit aus ihrem sozialen Umfeld zurück. Beziehungen zu Freunden, Familie und am Arbeitsplatz werden vernachlässigt. Die betroffenen Personen sind derart ausgebrannt und energielos, sodass Sie kaum noch zwischenmenschlichen Kontakt suchen. In stressigen Zeiten ist es völlig normal erschöpft ins Bett zu fallen und sich nach einem erholsamen Urlaub zu sehnen. Nach einer gewissen Zeit der Dauerbelastung und mit dem Auftreten von Burnout fällt auch das Weg. Wer an Burnout leidet, kann sich nicht mehr so einfach erholen und einen Gang zurückschalten.

Neben Stimmungschwankungen, Gleichgültigkeit, chronischer Lustlosigkeit bzw. Motivationsschwierigkeiten, mangelndem Interesse für Beruf und Privatleben treten auch körperliche Symptome wie Kopf- oder Rückenschmerzen, Kreislaufprobleme, Beschwerden im Verdauungstrakt oder mit dem Hören auf. Einerseits wird man durch Schlafstörungen geplagt, andererseits leidet man ständig unter Müdigkeit und Kraftlosigkeit.

Grundsätzlich lassen sich die Symptome von Burnout in drei Kategorien (Dimensionen) unterteilen:

  1. Emotionale Erschöpfung: Durch übermäßige emotionale und physische Anstrengung stellt sich ein Erschöpfungszustand ein. Betroffene Personen fühlen sich schwach, kraftlos, müde und matt, außerdem sind sie leicht reizbar.
  2. Depersonalisierung: Auf Grund der Überbelastung suchen Betroffene die Distanz zu anderen Personen. Die Arbeit verkommt zu einer unpersönlichen Routine, die Beziehungen werden versachlicht und es stellt sich Gleichgültigkeit bis Zynismus ein.
  3. Erleben von Misserfolg: Wegen der Überbelastung und den stetig steigenden Anforderungen – quantitativ wie qualitativ – haben Betroffene häufig das Gefühl nichts zu leisten, erreichen oder bewirken. Die Schere zwischen Anforderung und Leistung geht immer weiter auf, was als persönliche Inneffizienz bzw. Ineffektivität wahrgenommen wird. Dieses Erleben und Durchleben von Misserfolgen kann einerseits auf Grund von mangelnder Anerkennung am Arbeitsplatz ganz rational sein. Andererseits ist es auch ein Teufelskreis, denn fehlende Anerkennung kann seinen Ursprung auch in der Depersonalisierung haben.

Die zwölf Burnout-Phasen nach Freudenberger

Erstmals wurde der Begriff Burnout im 1960 erschienenen Roman A Burnt-Out Case von Graham Greene verwendet. In seinem Buch beschreibt er die Geschichte eines Architekten, welcher seinen Beruf aufgibt, um im afrikanischen Dschungel als Aussteiger ein neues Leben zu beginnen. 1974 folgte der erste Gebrauch in einer wissenschaftlichen Publikation durch den deutsch-amerikanischen Psychoanalytiker Herbert Freudenberger. Freudenberger schrieb über emotional erschöpfte Mitarbeiter im sozialen Dienst, später entwickelte er mit seiner Kollegin Gail North ein Burnout-Modell, welches die Krankheit in zwölf Phasen unterteilt:

  1. Zwang sich beweisen zu müssen und übertriebener Ehrgeiz
  2. Verstärkter Einsatz und freiwillige Mehrarbeit
  3. Vernachlässigung eigener Bedürfnisse
  4. Verdrängung und Überspielen von Konflikten und Bedürfnissen
  5. Umdeutung des persönlichen Wertesystems und Vernachlässigung von zwischenmenschlichen Beziehungen und Hobbies
  6. Verstärkte Verleugnung auftretender Probleme und Desillusionierung
  7. Hoffnungslosigkeit und sozialer wie emotionaler Rückzug
  8. Negative Verhaltensänderung
  9. Depersonalisierung und Entfremdung
  10. Innere Leere und exzessive sinnliche Befriedigung (Kaufräusche, Fressattacken, etc.)
  11. Durch Sinnlosigkeit, Erschöpfung und Gleichgültigkeit geprägte Depression
  12. Völlige Burnout-Erschöpfung bis hin zum Suizid

Nicht alle dieser zwölf Phasen müssen sich eindeutig zeigen oder in dieser Reihenfolge auftreten, sie können ineinander übergehen und sich überlappen. Die ersten drei Stufen können situativ immer wieder auftreten, können aber mit der Zeit chronisch werden. Bei Stufe vier bis acht ist eine Beratung sinnvoll, und spätestens ab der neunten Phase sollte eine Therapie begonnenen werden. Ab der elften Stufe kann man von einer akuten Gesundheitsgefährdung sprechen und es ist eine ärztliche Behandlung notwendig.

Wie wird Burnout diagnostiziert?

Für Ärztinnen und Ärzte ist es oft schwer Burnout frühzeitig zu diagnostizieren, betroffene Personen kommen meist in die Praxis und klagen über Magen- oder Darmbeschwerden und andere körperliche Symptome. Es wird zunächst das Gespräch mit den betroffenen Personen gesucht, da sich die Diagnose nur anhand der Symptome stellen lässt. Eine Erhebung der beruflichen wie privaten Situation der Patientin oder des Patienten schafft weitere Klarheit.

Erhärtet sich der Verdacht auf Burnout ist eine weitere körperliche Untersuchung notwendig, bei der es darum geht andere Ursachen auszuschließen, die Bestimmung gewisser Blutwerte und das Anfertigen von Röntgenaufnahmen können dabei helfen. Ein noch relativ neuer diagnostischerer Ansatz setzt auf eine 24-Stunden-Herzratenvariabilitätsmessung, bei der Tag und Nacht ein kleines Messgerät am Körper unter der Kleidung getragen wird. Darüber hinaus protokolliert die betroffene Person akribisch ihren Tagesablauf, was eine genaue Zuordnung der gemessenen Werte ermöglicht.

Wie wird das Burnout-Syndrom behandelt?

Nicht die Arbeit macht uns krank, sondern unser Umgang mit ihr. Für betroffene Menschen ist es auf Grund ihres Ehrgeizes und Perfektionismus sehr schwer die Anzeichen richtig zu deuten und aktiv Hilfe zu suchen. Es gibt keine standardisierte Behandlung bei Burnout, da die Entwicklung immer individuell und eine persönliche Reaktion ist. Deshalb ist es wichtig bei den ersten Anzeichen Rat und Hilfe zu suchen, um wieder ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Belastung und Entspannung zu erreichen. Beispielsweise können Entspannungstechniken oder verbessertes Zeitmanagement helfen, manche Menschen müssen auch lernen Nein zu sagen und wieder mehr auf sich zu achten. In den Anfangsphasen können Gespräche, Bewusstseinsbildung und spezielles Coaching gute Resultate erzielen, ist die Krankheit jedoch schon weiter fortgeschritten bleibt nur die stationäre Behandlung in einer Facheinrichtung. Manchmal können pflanzliche Mittel wie Baldrian Abhilfe schaffen, in besonders schweren Fällen kommen auch Antidepressiva zum Einsatz.